Analoge Nachbrenner - Gefärbte Aufnahmen. Es lebe das Gerät.

Nicht das die digitale Bearbeitung Wünsche offen ließe... Aber genau hier liegt das Problem: es gibt einfach zuviele Möglichkeiten. Wie schräg: da werden haufenweise zusätzlich Programme (Plugins) entwickelt und teilweise richtig teuer verkauft, um analoge Ausrüstung nachzuahmen - den vermeintlich warmen Klang, die obertonreiche Sättigung und Kompression durch Röhrenverstärker und alten Tonbändern...
Die "alten" Wege der Tonaufnahme schmeicheln dem menschlichen Ohr irgendwie mehr und die technisch bedingten Färbungen sind unserem Hörvergnügen zuträglicher. Die geradezu chirugisch präzise Abbildung von Klängen im digitalen Bereich mag im Labor Sinn haben, bei Musik ist aber ganz etwas anderes gewollt: Charakter durch Färbung.

 

Too much information

Nun kommen also findige Entwickler und bauen ohne Ende Plugins, die im Grunde das Verhalten von analogen Schaltkreisen, Tonbändern und Röhren - meist in Form bekannter Geräte - digital nachahmen. Nicht nur das sogar das Äussere dieser Geräte bis hin zu zerkratzten Schrauben nachgeahmt wird, nein, sie werden gerne auch noch um weitere Möglichkeiten erweitert - im Vergleich zum Original. Da nun noch mehr Parameter verändert werden können, steigert sich die Vielfalt der Manipulationen von was auch immer ins schier unermessliche - was für ein Grauen! Und alle diese Parameter wollen auf dem Bildschirm gesehen und verfolgt werden. Und eingestellt. Und berechnet. Und es bleibt trotzallem digital nachgeahmt und zwingt häufig genug Audio-Rechner in die Knie.

Mausschubsereiexcess

Diese Parameter - die ja auch erstmal verstanden sein wollen - werden also am Bildschirm eingestellt... Es gibt fast nicht schlimmeres für mich als mit der Maus rumzudengeln - ich brauche Knöpfe und muss irgendetwas anfassen. Ausserdem ist das einfach übersichtlicher, jedenfalls für mich als Lesebrillenträger... Zumal - neben der DAW - der Platz auf dem Monitor deutlich begrenzt ist, selbst mit einem zweiten Monitor. Im Rahmen des "Musikmachens" habe ich nicht wirklich Lust, mit umgeschnallter Gitarre zum Arbeitsplatz zu gehen, die Maus in die Hand nehmen, entsprechend zu platzieren und ein Miniknöpfchen zu bewegen, die Maus loszulassen, ein paar Töne auf der Gitarre zu spielen, die Auswirkungen zu hören, wieder zurück, weitere Einstellungen zu probieren etc... Echt: das nervt ab.

Ich gebe zu, das ist auch ein wenig übertrieben, oft genug sitzt man vor dem Rechner und bearbeitet hinterher gezielt einzelne Spuren und dreht eben auch virtuelle Knöpfe. Plugins bieten mit einem Klick unglaubliche viele Möglichkeiten - jeder Homerecorder kann hunderte davon auf seinem Rechner bereithalten und seine Aufnahmen durch die Mangel drehen. Und ein paar "Basics" gibt es immer, die am Rechner gemacht werden müssen - gerade weil man sich dann eben nur noch auf der digitalen Ebene bewegt und den Klang "sauber" halten kann.

 

Nichtsdestotrotz: ich arbeite auch schon gerne beim Aufnehmen mit den Möglichkeiten von Effekten, meist Kompressoren oder gebe dem Klang ein bißchen Charakter dazu, zum Beispiel den Klang einer Röhre. Ob ich mich eventuell ärgere, weil ich im Vorfeld schon eine Entscheidung getroffen habe, die sich nicht rückgängig machen lässt? Nöö, nicht wirklich... Dann nehme ich es gegebenfalls nochmal auf. Ausserdem nutze ich diese Möglichkeiten sehr subtil. Der eigentlich Punkt ist aber...

Ich bin Musiker, kein Toningenieur.

Da meine Geduldsspanne beim rumfummeln am "Klang" recht kurz ist und ich lieber spielen möchte, ich auch nicht wirklich willens bin (und häufig auch intellektuell nicht in der Lage zu sein scheine), Effekte und deren theoretische Basis zu verstehen und/oder zu lernen, möchte ich NICHT die Möglichkeit haben an 10 verschiedenen Parametern zu drehen - und dies bei gerade mal einem Effekt. 

 

Im Grunde sind 10 Knöppe das, was ich für alle Effekte zusammen drehen möchte... Und einen Fader für "Laut".

 

Für mich hat sich herausgestellt: je mehr Möglichkeiten, umso eher verliert man sich im "Dschungel" der Parameter. Und ich komme einfach nicht vom Fleck.

Analoges vor der DAW

Nachdem ich eine ganze Zeit der Idee des "klein und wenig ist gut" gefolgt bin - auch bedingt durch den Platzmangel eines Bedroom Recorders - und es gute Gründe dafür gibt, habe ich in letzter Zeit meinen Gerätepark aufgerüstet. Und zwar um "analoge Gerätschaften mit Röhre". Natürlich verbreitert das den Footprint, aber so ist es halt...

 

Nachdem ich die Tonverarbeitung meiner Gitarre aus dem Rechner herausgenommen habe (und einen Yamaha THR 10 dafür nehme, der - zugegeben - nicht rein analog arbeitet), da mir der Klang von Plugins nicht wirklich gefallen hatte (Ampire, Guitar Rig, Line6...), habe ich nun drei verschiedene SPL Effekte im 19 Zoll Rackformat vor dem Mixer.

 

SPL Vitalizer MK2

Meine Zielsetzung war nicht wirklich "Vintage", aber eines war für mich klar: ein Enhancer für die Summe sollte es sein. Um den gesamten Mix "zusammenzuleimen" und doch sauber klingen zu lassen. Das eine Röhre dabei mitmacht, war aber schon mein Wunsch.

 

Schlicht gesprochen: was vorne reinkommt, klingt hintenheraus wesentlich frischer und transparenter - und mit den Röhren ergibt sich mehr "Fülle", sie verleihen dem Klang eine angenehme Seidigkeit. Und je nachdem kann der Druck (pumpend oder knallend), die Präsenz und die Breite deutlich verändert werden.

 

SPL geht eigene Wege, dies zu erreichen, ich spare mir die Details denn es gibt genug Seiten im Netz, die dies beschreiben: hat man erstmal verstanden, wie die drei Regelbereiche zusammenhängen, dann ist die Einstellung recht einfach und schnell gemacht. Auch für mich... 

 

Ich habe den Vitalizer jedenfalls immer auf der Summe - nicht immer bei der direkten Aufnahme, aber fast immer beim Mix und führe in der Regel meine Spuren durch den Vitalizer auf die Stereospuren. Heißt: ich führe mein "fertiges" digitales Stereosignal ins analoge, durch den Vitalizer und wieder zurück in die DAW. Es ist einfach und effizient und erspart mir das Gefummel.

 

Insbesondere bei Stimmen im Mix, aber auch bei Soli lässt sich dieser Effekt sehr gut hören. Ebenso drücken Flächensounds nichts mehr an die Seite, jedes Detail wird erhalten: es gibt keine "Verdeckungen" (Maskierungen) mehr und das ist wirklich eine der hervorstechenden Fähigkeiten. Damit ergibt sich ein sehr musikalischer Eingriff in das gesamte Klangmaterial.

 
Verstärktes Rauschen, wie dies bei günstigen Varianten von Enhancern mitunter der Fall ist, stellt beim Vitalizer kein Problem dar: auch bei intensiver Nutzung macht sich dies nicht bemerkbar. Im Grunde ist das Teil rauschfrei.

SPL Channel One

Es heißt, jedes Studio sollte zumindest ein gutes Mikrofon und einen guten Vorverstärker besitzen. Es war jetzt nicht mein vordringliches Problem, aber ich wollte tatsächlich "mehr" Gesang aufzeichnen. Eigentlich war ich ganz zufrieden mit dem TC-Helicon VoiceTone Correct, der seit einiger Zeit meine Schallwandler überträgt. Aber einen kompletten "Channelstrip" mit Vorverstärker, Equalizer, Kompressor, Noisegate, DeEsser und sogar einer Verzerrerstufe auf einer Oberfläche (mit echten Knöppen sauber nach Funktion angeordnet) bedienen zu können - das Ganze dann auch mit Röhre - das klang ziemlich überzeugend.

 

Im Helicon war ein reizvolles Feature die Quasi-Ein-Knopf-Bedienung für wichtige Bereiche, gerade auch für Kompressor, EQ und De-Esser. Das Ganze wird durch viel Elektronik und schlaue Algorithmen im Hintergrund durchgeführt und funktioniert sauber, "pumpt" aber manchmal. Für die Bühne ist es schlicht das "Supertool", vor allem wenn kein wissender Tontechniker die Knöpfe bedient.

 

Aber irgendwann merkte ich, dass noch mehr gehen müsste, vor allem im Bereich der tieferen Stimmlage und wenn man den Nahbesprechungseffekt mitnutzen möchte. Oder auch mal Akustikgitarre (oder E-Bass!) etwas anders aufnehmen will. Da hat der Helicon Probleme gezeigt - oder eben ganz die Segel gestrichen. Ausserdem hatte ich auch hier wieder ein paar Features mal hier, mal auf dem Mixer, mal in der DAW und nicht auf einen Griff zusammen.

 

SPL hat auch beim Channel One mit ihren interessanten Lösungsansätzen einen kompletten Kanalzug geschaffen, der alles bietet, was man so braucht - nicht mehr, nicht weniger. Was alles wie geht, lässt sich hier nachlesen (ein Test von Amazona). Man muss aber nicht die theoretischen Basics wissen, um mit dem Gerät umzugehen...

 

Kurz: sauber! Der De-Esser arbeitet perfekt, selbst bei hoher Empfindlichkeit sind keine weiteren Eingriffe zu hören, es gibt keine Nebeneffekte aber eine effektive Sssss-Unterdrückung. Mit dem Kompressor musste ich ein wenig experimentieren - der Helicon packt da wesentlich deutlicher zu - bietet aber zusätzlich einen "Aufholregler" (Make-Up) und klingt schlicht gut. Er hat Charakter, irgendwie passend. Alles in allem ein eher zurückhaltender Eingriff, aber einfachst mit einem Regler zu bedienen und daher hilfreich für mich. Das dazugehörige Noisegate arbeitet gut, "schnappt" aber manchmal und muss mit Fingerspitze eingestellt werden, sonst gibt es Probleme bei Atemgeräuschen. Effektiv ist es allemal.

 

Beeindruckend ist der EQ, der einfach durchstimmbare Mids und Lows dämpft oder boosten kann und sehr musikalisch klingt, und zusätzlich ein "Air-Band" bietet, das eine saubere Präsenz und damit "Glanz" in die Höhen bringt. Dieses "Air" ist wirklich bemerkenswert und klingt trotzallem sehr weich - kein Vergleich zu den meist viel zu hart klingenden digitalen Pedants. Übrigens lässt sich der EQ vor oder nach dem Kompressor einschleifen - es ist einen Versuch wert, zu experiementieren. Alles in allem: ein musikalischer Kanalzug.

 

Ich habe mich mit dem Channel One sofort wohlgefühlt und die Knöpfe verstanden. Herrlich.

 

Achja, es gibt noch eine interne Kopfhörersektion. So lässt sich direkt am Gerät die Lautstärke von Playback und Aufnahmesignal mischen. Wenn auch trocken, so doch ohne Latenz. Das geht zwar auch bei mir mit dem Mixer, ist aber am Channel One lauter. Manchmal ist das ganz gut...

SPL Charisma

Tja... der Charisma. Hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel... Der Grundidee folgend, dass Tonband- und Kassettenaufnahmen durch die Bandsättigung einen ganz speziellen Charakter aufweisen und ich diesem seit längerem hinterherjage, stand die Idee im Raum dafür ein entsprechendes Gerät zu nutzen. Grundsätzlich arbeite ich mit einem Korg M3 und möchte dessen teilweise zu cleanen Sounds zu etwas "Dreck" verhelfen. Womöglich hat mich der Vitalizer verwöhnt, der Charisma sieht wie eine Teilmenge der Fähigkeiten des Vitalizers aus. Und das ist das Problem. Er wirkt schwach und unausgegoren.

 

Der Charisma bietet schon genau das: Sounds lassen sich anreichern, es lässt sich eine entsprechende musikalische Verzerrung via Röhre hinzufügen, die sicher gut tut. Aber... der Bereich von "klingt" und "es ist zuviel" ist schlicht zu kurz. Irgendwie fehlt die Bandbreite. Da hat mich der Vitalizer mehr gepackt, wenn auch dessen Zielstzung eine andere ist.

 

Er fügt dem Sound etwas hinzu, was im chirugischen digitalen Soundgemenge machmal fehlt, muss aber mit Feingefühl eingepegelt werden. Er ist damit tatsächlich eher ein Effekt denn ein Färber, der immer mitlaufen kann.

 

Aber ehrlich: durchaus verzichtbar!

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